Theater der Distanz
Mit ihrer distanziert ruhigen Inszenierung von Friedrich Hölderlins Hyperion fordert Marie-José Malis den Zuschauer zu einer Reflexion über politisches Handeln auf.
Sollte die Theaterkritik tatsächlich an Einfluss verlieren, so gibt es einen Ort in Frankreich, an dem dieser Tatbestand alljährlich widerlegt wird: In Avignon trägt die Kritik während des Theaterfestivals im Juli maßgeblich zum Erfolg oder Misserfolg der Stücke bei und sorgt für volle oder leere Säle. Diese grausame Erfahrung musste die Regisseurin Marie-José Malis vergangenes Jahr bei den Vorstellungen ihres Hyperion machen, einer Adaption des unvollendeten Briefromans des deutschen Dichters Friedrich Hölderlin.
Aber man muss dieses Stück gesehen haben, um die Absurdität einer derart vernichtenden Kritik zu begreifen. Nichts an der Inszenierung ihres Hypérion erscheint streitbar oder gar übertrieben provokant, und alle Entscheidungen der Regie, von der Beleuchtung bis zum Spiel der Schauspieler, zielen im Gegenteil darauf ab, eine gelassene Distanz auf der Bühne entstehen zu lassen. So wird der griechische Hyperion, der nach seiner Begegnung mit Diotima beschließt, gegen den osmanischen Aggressor ins Feld zu ziehen, nicht nur von einem einzigen Darsteller verkörpert, sondern alle Akteure bis auf Diotima teilen sich seinen Text. Auf diese Weise ist das Scheitern des jungen Mannes, der angesichts von Plünderungen und Massakern vom republikanischen Ideal abkommt, Anlass einer kollektiven Reflexion über Engagement und Handeln in unserer heutigen Welt, die die Figuren buchstäblich an das Publikum im Saal richten. (C.C.)
Weitere Informationen
- Kritik des Stücks in Les inrocks… (FR)
- … und in Le Figaro (FR)
- [Vidéo] Interview mit Marie-José Malis bei der Veranstaltung „Controverses du Monde“ in Avignon (FR)
- Interview mit Marie-José Malis in der Sendung „Changement de décor“ auf France Culture (FR)































