Paris, Paris, das Paradies?
Olivier Py zieht in seiner Inszenierung die Maske vom Gesicht der Stadt ab, zeigt, was sich darunter versteckt und wie die scheinheilige Dekadenz durch die hausmannischen Strassen baladiert.
Für die Postkarten-Instagram-Touristenwelt ist Paris ein sicheres Pferd. Der glitzernde Eifelturm, der Akkordeonspieler auf der Pont des Arts, das gräuliche Licht, welches an Wintertagen die Schornsteine umhüllt. Für Pariser ist diese Stadt ein Ort, den es im August zu meiden gilt, dessen Busverkehr zum Wahnsinn treibt und dessen Hipster-Bürgerlichkeit man mittlerweile genauso offenherzig trägt wie Ringelsocken.
Olivier Py, Theatermacher, Festivaldirektor, Musikliebhaber und, für so manchen, Provokateur der Bretter, die die Welt bedeuten, zeigt in seinem neuen Werk ein Paris, das in kleinen Zimmern unter dem Dach wohnt, von Kunst und Macht träumt, dekadent Boulevards unsicher macht, auf politisch inkorrekte Weise Meinung kund tut oder von einem Machtposten aus die Gedanken nicht aus der Gosse holen kann.
In der Mitte der Handlung steht Aurélien, ein aufstrebender junger Theatermacher, der sich einer Affäre mit einem Dirigenten hingibt und gleichzeitig für einen Dichter à la Baudelaire schwärmt. Mit ihm und anderen, höchst herausfordernden, wenn auch sehr reellen Figuren stürmen sie Paris und wagen die Schönwetter-Welt zu boykottieren. An einem Abend werden alle brisanten Themen, sei es Kultur, Politik, Theater, Gesellschaft, Sexualität, Identität oder Religion auf die Bühne gebracht. Zusammen kreieren sie sturmartige Wellen, die in einem imposanten Dekor (wie sollte es auch sonst bei Monsieur Py sein) und wortschwallenden Dialogen den Theatersaal überschwemmen. Hin-und wieder möchte man laut „Jawohl“ rufen, lachen, mitdiskutieren und ist gleichzeitig mitgerissen von dem sich entfachendem Feuer.
Im letzten Jahr als Buch erschienen, wird es nun die europäischen Theater stürmen und wohl für so manche Diskussion während und nach der Vorstellung sorgen. Eines ist jedoch gewiss: Vor solcher Ehrlichkeit und Sein kann man nur den Hut ziehen. Oder was meinen Sie? (J.L.)
Mit
Jean Alibert, Moustafa Benaïbout, Laure Calamy, Céline Chéenne, Emilien Diard-Detoeuf, Guilhem Fabre, Joseph Fourez, Philippe Girard, Mireille Herbstmeyer, François Michonneau
Olivier Py, Text und Inszenierung
Pierre-André Weitz, Dekor, Kostüme et Make-Up
Festival d’Avignon, Produktion
Théâtre de Liège, Koproduktion
Photo : Christophe Raynaud de Lage
Weitere Informationen
-
Ein Interview mit Olivier Py über seine Gedanken zu Paris (FR)
-
Olivier Py präsentiert sein Werk (FR)































