Le 1er web magazine spectacles | Grand Est transfrontalier
Das 1. Webmagazin der darstellenden künste | Grenzüberschreitende Region Grand Est

„Wir leben in einem Theater des Grauens, darum weigern wir uns, das Grauen weiter darzustellen.“
Das Zitat aus Backyard [A Field to Search] der mexikanischen Künstlerinnen Laura Uribe und Sabina Aldana bringt die kuratorische Suchbewegung für diese Ausgabe des Festival PERFORMING DEMOCRACY auf den Punkt.

Das Festival hat sich vorgenommen, künstlerische Arbeiten zu zeigen, die sich nicht im Schrecken verlieren, sondern Handlungsspielräume eröffnen. Arbeiten, die daran glauben, dass Sätze wie „Yas, we can!“ oder „Wir schaffen das!“ mehr sein können als leere Versprechen. Dabei geht es nicht um Beschönigung oder Realitätsflucht, sondern um die Frage, wie Kunst uns wieder in Beziehung setzt: zu uns selbst, zueinander und zu einer Gesellschaft, die wir aktiv mitgestalten.

Daher ist das Ziel in dieser Ausgabe die vitale Einmischung. Die eingeladenen Gastspiele verhandeln Zugehörigkeit statt nur Ausschluss. Sie beleben die Sinne, statt sie zu betäuben, zeigen auf der Bühne Wagemut, Verletzlichkeit, Menschsein, Schwäche und die Kraft der Begegnung und Verbindung, untersuchen Identität und Heimat, wie sie aussehen könnten, jenseits der bekannten Bahnen von Grund und Boden, jenseits von Abstammung. Das Festival-Team hat künstlerische Positionen ausgewählt, die uns als Menschen wieder als Teil dieser Gesellschaft fühlen und uns aus der Vereinzelung herausfinden lassen.

Diesem Gedanken folgend eröffnet das diesjährige Festival mit einem Gastspiel, das Inklusion als zentrales künstlerisches Prinzip versteht: In der Soloarbeit Songs of the Wayfarer nimmt die Choreografin und Performerin Claire Cunningham (Schottland) das Publikum auf eine persönliche Wanderung mit. Durch ihren Tanz mit den Krücken, durch ihren Gesang und eine Karte, die sich langsam auf dem Boden abzeichnet, eröffnen sich neue Landschaften. Ein poetisches, humorvolles Stück, das eine hoffnungsvolle Verbundenheit im Zuschauerraum hinterlässt.

Um Hoffnung und Zusammenhalt geht es auch in Backyard [A Field to Search] – The Lecture, in der sich Laura Uribe und Sabina Aldana (Mexiko) dem Thema der verschwundenen Menschen in Mexiko widmen. Als sie mit ihrer Forschung 2018 begannen, lag die Zahl der Verschwundenen bei etwa 32.000; heute sind es über 130.000, eine erschreckend hohe Zahl. Das macht betroffen und sprachlos. Die Performance geht jedoch über die bloße Sichtbarmachung dieses Schreckens hinaus: Sie zeigt, welche Kraft in der Gemeinschaft steckt.

Aus Belgien kommt die musikalische Theaterperformance Der Bleiche Baron (ab 8 Jahren). Hier herrscht ein Tyrann, der Gedichte verabscheut und dem Fragen großes Unbehagen bereiten. Aber Kinder stellen Fragen. Zum Beispiel: wohin sind von einem Tag auf den anderen alle Dichter:innen verschwunden? Anna Vercammen und Joeri Cnapelinckx erschaffen auf der Bühne ein Plädoyer für die Kunst, die Poesie, die Freundschaft und die Freiheit.

Das Spannungsfeld zwischen individueller Handlungsfähigkeit und kollektiver Kraft erforscht das Tanzstück ALL’ARME in der Choreografie von Panzetti & Ticconi mit Studio za suvremeni ples (Kroatien) auf eindrucksvolle Weise. Die Inszenierung wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Gruppe und Individuum, Ermächtigung und Unterdrückung – und lässt zugleich die entwaffnende Menschlichkeit der Schwäche aufleuchten.

Mit der Tanzperformance Fampitaha, fampita, fampitàna endet das Festival. Vier Körper trotzen der Gewalt, die sie über die Jahre geprägt hat: Soa Ratsifandrihana (Belgien/Madagaskar) spürt choreografisch und musikalisch den mannigfaltigen Erzählungen des Lebens in der Diaspora nach. Die Performer:innen begeben sich auf eine poetische Reise zwischen Madagaskar und verschiedenen Kontinenten, auf der Suche nach der Geschichte und ihrem Vermächtnis.

Mitten im Festival passiert DIE BEWEGUNG. Gemeinsam mit dem Künstler Julian Warner werden ironisch-gebrochen kritische Fragen nach der Notwendigkeit von Kulturinstitutionen aufgegriffen. Sport ist schließlich auch Kultur. Obendrein vielleicht sogar eine, die die Menschen mehr zusammenführt als die Kunst? Oder geht es gar nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine gemeinsame Mobilisierung unserer schlaffen Körper und Gehirne? Um eine Rehabilitation unserer müde gewordenen Motivation, sich zu widersetzen? Kann Training da hilfreich sein? Oder braucht es, um wach zu bleiben, doch die Kunst? Wir sind gespannt, schwingen zwischendurch die Kettlebells und freuen uns auf ein eigens für das Festival inszeniertes Sport-Kunst-Spektakel mit Freiburger Vereinen im neuen Stadion des FT 1844 e.V.

Die Sinne beleben wird auch das facettenreiche Rahmenprogramm: Gemeinsam mit der Katholischen Akademie, der FABRIK, dem Kommunalen Kino, Dem Slow Club, Südwind e.V., dem Museum für Neue Kunst und dem Tanznetz Freiburg lädt das Festival herzlich dazu ein, sich auf und jenseits der Theaterbühnen mit utopischen Ideen anstecken zu lassen.

www.performing-democracy.de

 


WIR EMPFEHLEN AUCH

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Currently Playing

Szenik auf Facebook